Alles oder nichts

Rainer Geulen hat für die Bombodrom-Gegner den Sieg erstritten – bundesweit ist er gefürchtet

BERLIN – Was Joschka Fischer für die 68er in der Politik war, ist er vor den Gerichten der Bundesrepublik. Für die Gegner des Bombodroms hat Rainer Geulen 27 Siege gegen die Bundeswehr erstritten. Ein Besuch in seiner Kanzlei in Berlin

Die Gegend gehört zu den nobleren Berlins, vor der Haustür steht Geulens Wagen, ein Jaguar mit dem Aufkleber der „Freien Heide“. Die Kanzlei: Hohe Decken, übergroße Bücherregale, Gemälde an den Wänden, bestens erhaltener Altbau – in gepflegtem Ambiente brütet der 65-Jährige über Schriftsätzen und Verwaltungsverfügungen, bis er den einen unheilbaren juristischen Fehler findet. In den Ecken liegen unzählige Ordner, der Schreibtisch ist übersät mit Papieren. Auch ein Aschenbecher steht dort. Geulen nennt sich selbst zwar Nichtraucher, doch zwei Zigarren am Tag im Büro dürfen es schon sein.

Es ist ein denkwürdiger Ort, ein Stück Geschichte der Bundesrepublik wurde hier geschrieben. Um den Weg der 68er Generation durch die Instanzen geht es, um Bürgerrechte, um linke und grüne Politik – angekommen in der politischen Mitte. Und es geht um Verwaltungs-recht, selbst unter Juristen ein ödes Wort. Dabei sind es immer Menschen, die sich gegen konkrete Vorhaben wehren.

Geulen, der Bürokratenschreck, hat mit seinen Klagen unzählige Juristen in den Amtsstuben geärgert, auch im Verteidigungsministerium. Beim Bombodrom hat er es geschafft, die „gigantische Rechthabemaschinerie“ der Bundeswehr zu stoppen. Begonnen hatte alles im August 1992. Der damalige Referatsleiter für Konversion in der Potsdamer Staatskanzlei, Roland Vogt, musste die schlechte Botschaft überbringen: Erst wollte die Bundeswehr den Übungsplatz nicht übernehmen, ruderte dann aber zurück. Über dem Bombodrom sollten wie zu DDR-Zeiten Tiefflieger Krieg üben. Zuständig dafür war Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), zu dieser Zeit Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Für die Menschen rund um die Ruppiner Heide ein Schlag, auch gegen das Vermächtnis der friedlichen Revolution. Jedenfalls hatte Roland Vogt, der Konversions-Experte, einen Rat für die Gegner des Schießplatzes: Gründet eine Bürger-initiative. Ostprignitz-Ruppins Landrat, Christian Gilde (SPD), sagte er: „Nehmt Euch einen guten Anwalt“ – nämlich Rainer Geulen. Vogt kannte ihn vom Jura-Studium an der Freien Universität Berlin, später war ihm Geulen aufgefallen, weil er in den 1980er Jahren ein Kohlekraftwerke im Spandauer Forst verhindert hatte. Er „sei einer der fähigsten Anwälte in Vertretung von Bürgerinitiativen, die sich gegen umweltschädliche und unsinnige Projekte einsetzen“, sagt Vogt. „Mit einer magischen Fähigkeit“ verhinderte Geulen fehlerhafte Projekte.

„Wir haben damals in einer traurigen Kneipe gesessen, ich glaube in Fretzdorf war das. Es gab nicht mal Bier“, erzählt Geulen. „Die hatten noch ihr Stalin-Bombodrom im Hinterkopf und glauben, man kann da gar nichts machen.“ Geulen aber konnte. „Seitdem haben wir vor Gericht immer gewonnen.“ Zuletzt war das Ende März vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg der Fall. „Freie Heide“-Sprecher Benedikt Schirge meint: „Seine Prognosen haben immer zugetroffen. Die Urteile wurden immer eindeutiger.“ Von Anfang sei sich dieser „klasse Anwalt“ sicher gewesen, dass das Bombodrom rechtlich nicht zu machen sei.

Es ist eine unglaubliche Karriere die Geulen hingelegt hat. Sein Vater war CDU-naher Unternehmer, den gebürtiger Aachener zog es da in den 1960er Jahren nach Berlin. Beim Sozialistischen Deutschen Studentenbund, dem Motor der 68er Proteste, machte er mit. Während viele Kollegen maoistische Sekten gründeten oder ins Abseits gerieten, studierte er Jura. „Ich habe damals als erster in Berlin 1972 Berufsverbot bekommen. Ich durfte nicht Referendar werden.“

Schließlich wurde Geulen 1975 in den Räumen seiner heutigen Kanzlei Sozius und Motor der Berliner Kanzlei von Otto Schily, dem Mitbegründer der Grünen und späteren SPD-Bundesinnenminister. „Ich war damals der Typ Einser-Jurist, also für einen Linken sehr ungewöhnlich.“ Er verteidigte die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, verhinderte eine Schnellstraße in Berlin-Schöneberg und sorgte für die kurvenreiche Autobahn in Tegel Richtung Hamburg – zum Schutz des Tegeler Forstes. Manche nennen Geulen „Robin Hood der Bürgerinitiativen“. „Die politische Motivation ist bei mir sehr stark, man kann das nicht als links bezeichnen“, sagt Geulen, ein erklärter Atomkraft-gegner. „Die ersten Umweltverfahren habe ich gemacht, da gab noch keine Grünen. Das sind immer Sachen, mit denen ich mich identifizieren kann, Sachen, bei denen es keinen Kompromiss gibt.“

Die Verfahren wurden immer größer. Kernkraftwerke und Atommülldeponien ließ er schließen, vertrat verstrahlte Radartechniker der Bundeswehr, half Hinterbliebenen und Opfern der Bahnkatastrophe von Eschede. Derzeit steht er der Stadt Offenbach gegen die Flughafenerweiterung in Frankfurt/Main zur Seite, ebenso der Stadt Berlin für den Flughafen BBI. Auch geplante Kohlekraftwerke wie am Greifswalder Bodden will er verhindern. Verwundert waren alte Wegbegleiter, als Geulen nun Potsdamer Villenbesitzer am Griebnitzsee erfolgreich vertrat, die den Uferweg auf ihren Grundstücken dicht gemacht hatten. Hier war der Reiz größer, als politisch korrekt gegen „die Reichen“ zu sein. Denn die Stadt Potsdam weigert sich, den Besitz an jüdische Erben zurückzugeben, deren Verwandte 1933 von den Nazis vertrieben worden waren. „Das trifft mein antifaschistisches Engagement total“, so Geulen. Und wie beim Bombodrom gilt: „Es geht immer um alles oder nichts.“

Von Alexander Fröhlich, Potsdamer Neueste Nachrichten vom 15. Juli 2009

Der Bürokratenschreck

Anwalt Reiner Geulen bringt den Staat vor Gericht ins Wanken – jetzt besiegte er die Bundeswehr

Das wesentliche Arbeitsprinzip Reiner Geulens ist schnell beschrieben. Er brütet einfach so lange über Akten, Schriftsätzen und Verwaltungsverfügungen, bis er den unheilbaren juristischen Fehler entdeckt hat, der die Argumentation der Gegenseite zum Einsturz bringt. Diesen Fehler gibt es immer, und Geulen findet ihn. Niemand weiß, wie viele beamtete Juristen ihn deshalb schon zur Hölle gewünscht haben; seit es ihm nun endgültig gelungen ist, die gigantische Rechthabemaschinerie der Bundeswehr in Sachen Bombodrom zu stoppen, werden es wieder ein paar mehr sein.

Keine schlechte Zeit für den 66-jährigen Verwaltungsrechtsexperten. Es ist gerade einmal 14 Tage her, dass er zusammen mit seinem Sozius Remo Klinger in Potsdam triumphiert hat – und das für seine Verhältnisse geradezu undezent lautstark. „Ideologische Verblendung“ hielt er der Stadt Potsdam vor, deren Bebauungsplan für das Ufer am Griebnitzsee soeben vor dem Oberverwaltungsgericht durch sein Wirken zu Staub zerfallen war.

Mancher alte Weggefährte wird sich in diesem Moment die Augen gerieben haben: Geulen, der ehemalige SDS- Funktionär, Motor der legendären ökogrünlinken Berliner Kanzlei Schily/Becker/Geulen – nun im Dienste privilegierter Potsdamer Villenbesitzer? Doch es ist wohl so, dass ihn Rechtslücken im Verwaltungshandeln im Zweifel mehr reizen als die ideologisch korrekt begründete Position. Das war schon so, als der gebürtige Aachener, Sohn eines CDU-nahen Unternehmers, in Berlin nach Perspektiven suchte. Während viele SDS-Kommilitonen maoistische Sekten gründeten oder in andere Sackgassen abdrifteten, wechselte er von Philosophie zu Jura und versenkte sich im Kleingedruckten.

Otto Schily war ähnlich gestrickt – 1975 wurde Geulen sein Sozius und entwickelte sich zum Robin Hood der Bürgerinitiativen. Westtangente, Kraftwerk Oberhavel, unzählige andere Verwaltungsstreitigkeiten, Geulen machte das, Hase und Igel in Personalunion. Obwohl er nie Mitglied einer Partei war, ist sein Anteil am Aufstieg der Alternativen Liste in Berlin wohl kaum hoch genug einzuschätzen, denn er setzte oft vor Gericht um, was die werdenden Grünen draußen auf die Tagesordnung brachten.

Dann wurden die Verfahren allmählich größer, oft zu Sammelklagen. Er ließ Kernkraftwerke und Atommülldeponien schließen, half dem damaligen Umweltminister Joschka Fischer gegen die Hanauer Brennelementefabrik, vertrat Radartechniker der Bundeswehr, die im Dienst verstrahlt worden waren, und die Hinterbliebenen und Opfer der Bahnkatastrophe von Eschede. Aktuell berät er die Stadt Offenbach gegen die Flughafenerweiterung in Frankfurt und die Stadt Berlin für den Flughafen BBI, kämpft gegen mehrere Kohlekraftwerke und die Erhöhung der Biersteuer – und hat natürlich auch Umweltverbände beim Streit um die Dresdener Waldschlösschenbrücke vertreten. Da allerdings scheint es, als habe er die Erfolgsspur ausnahmsweise verlassen. Bernd Matthies

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 11.07.2009)

Alles, was Recht ist, gegen das Bombodrom

Der Berliner Anwalt Reiner Geulen prozessiert seit 1994 für eine friedliche Nutzung der Kyritz-Ruppiner Heide

Von Andreas Fritsche

Die Uhrzeit des Pressetermins und der Redaktionsschluss des ND brachten es mit sich: Ich musste meinen Sohn mittags aus dem Kindergarten abholen und mitnehmen in die Rechtsanwaltskanzlei Geulen & Klinger. Die Kanzlei vertritt seit 1994 Gegner des geplanten Luft-Boden-Schießplatzes in der Kyritz-Ruppiner Heide. Benedikt Schirge von der Bürgerinitiative Freie Heide lud ein in die Büros der Anwälte in der Berliner Schaperstraße, zwei U-Bahnstationen vom Zoo entfernt. Anwalt Geulen erläuterte hier seine Sicht der Dinge, bevor am Tag darauf der Petitionsausschuss des Bundestages einen Beschluss im Sinne einer friedlichen Nutzung der Heide fassen sollte.

Ein wichtiges Thema. Das musste am nächsten Tag unbedingt ins Blatt. Also rein in die Kanzlei, die erwartet nobel möbliert ist. Auf dem Korridor eine Skulptur, und auch auf der Toilette eine – dort ist es ein kleiner Elefant, von einer Lampe angestrahlt. Alles ist mit Stil, aber sicherlich auch mit viel Geld arrangiert. Mich plagte schon auf der Treppe die Sorge, es könnte gerade in einem solchen Umfeld befremdlich wirken, wenn einer der Journalisten mit seinem Sohn auftaucht. Doch alle reagieren nett. Geulen selbst wechselt einige freundliche Worte mit dem Kind, lässt für alle Getränke hereinbringen und beginnt dann mit seinen Ausführungen zur jüngst eingegangenen schriftlichen Urteilsbegründung in Sachen Seehotel Ichlim gegen die Bundesrepublik. »Das Gericht hat nicht entschieden, dass da kein Bombodrom hin darf«, räumt Reiner Geulen ein. Aber: die Bonner Hardthöhe machte »schwerwiegende Fehler« bei ihrem bislang immer gescheiterten Versuch, das Bombodrom in Betrieb zu nehmen. Sie berücksichtigte nur den Lärmpegel auf dem Übungsplatz selbst und kümmerte sich nicht darum, was es für die Anlieger bedeutet, wenn Tiefflieger in nur 150 Metern Höhe über ihre Anwesen donnern. »Absurd« sei die Behauptung des Ministeriums, außerhalb des Bombodroms gebe es überhaupt keine erheblichen Lärmbelästigungen. Von einem törichten Vorhaben der Bundesregierung spricht der Anwalt.

Reiner Geulen und Remo Klinger sind beschlagene Experten des Umweltrechts. Ihre Kanzlei vertrat Naturschutzverbände, die in Dresden lieber einen Tunnel unter der Elbe wollten als die umstrittene Waldschlösschenbrücke. Sie prozessierte gegen Atomanlagen wie den Schnellen Brüter Kalkar, die Brennelementefabriken Hanau und das Atomkraftwerk Krümmel. Im Verfahren zum atomaren Endlager Gorleben wirkte sie für Andreas Graf von Bernsdorff, den Eigentümer des Salzstockes, in dem das Endlager errichtet werden soll. Auch im Streit um das Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter mischte die Kanzlei mit. Sie kümmerte sich um die Interessen erkrankter Radartechniker der Bundeswehr und der NVA und um die Belange von Menschen, die sich beim ICE-Zugunglück von Eschede verletzt hatten.

Als »Behördenschreck Nummer eins« ist der in Westdeutschland aufgewachsene Rainer Geulen tituliert worden. Dabei hätte er selbst eine Verwaltung leiten können. Einst war er als Minister einer rot-grünen Regierung in Niedersachsen im Gespräch. Beide Seiten sollen bei dem früheren Führungsmitglied des Sozialistischen Studentenbunds (SDS) vorgefühlt haben. Im rot-grünen Berliner Senat von Walter Momper hätte Geulen 1989 das Umweltressort übernehmen können. Er überlegte seinerzeit ernsthaft und lehnte diese Offerte dann genauso ab wie andere Anträge, doch in die Politik zu wechseln. Weggefährten entschieden anders, allen voran Otto Schily, der erst zum grünen Bundestagsabgeordneten und schließlich zum sozialdemokratischen Bundesinnenminister avancierte. Die Kanzlei Geulen & Klinger geht auf die Anwaltssozietät Schily, Becker & Geulen zurück.

Inzwischen könnte sich Reiner Geulen zur Ruhe setzen. Eins steht jedoch fest: Solange es für die Kyritz-Ruppiner Heide keinen Frieden gibt, will er dies nicht tun – und wenn er sich mit 80 Jahren noch die Robe überwerfen muss.

URL: http://www.neues-deutschland.de/artikel/150988.alles-was-recht-ist-gegen-das-bombodrom.html (ND vom 23. Juni 2009)

Ein ideales Geschäft

Er hat Atomkraftwerke dichtgemacht, er vertritt die Opfer der Eschede-Katastrophe und die verstrahlten Radartechniker der Bundeswehr…

aus: Der Tagesspiegel, Dritte Seite, Nicol Ljubic, 14.7.2001

Manchmal ist es eine Espresso-Maschine, die den Unterschied macht. Eine italienische, von Pavoni, für 2500 Mark, die kaum aufgefallen wäre, wenn Reiner Geulen sie nicht erwähnt hätte. Das erste Mal im Konferenzraum seiner Kanzlei, mit dem Tisch aus Kirschholz in der Mitte – und jetzt noch mal, in der Küche. Ein Mann mit einem „Schuljungengesicht“, wie „Die Woche“ ihn beschrieb, akkurat gekleidet, in Hemd und Anzughose, höflich, der einen gern durch die Räume seiner Kanzlei führt, die teuren Möbel unerwähnt lässt, dafür auf die Espresso-Maschine verweist. Als wäre sie es, die ihn auszeichnet. Er sagt: Wo er auch hinkomme, in Ministerien oder Chefetagen, überall werde furchtbarer Filterkaffee getrunken. Und es klingt, als sei er der einzige Genießer unter lauter Banausen.

Er erzählt von einem Treffen bei Hartmut Mehdorn, dem Chef der Deutschen Bahn. Er war bei ihm mit Opfern und Hinterbliebenen der Eschede-Katastrophe, die er als Anwalt vertritt. Auf dem Tisch habe ein Plastikteller gestanden, mit Brötchen unter einer Folie. Lieblos sei das gewesen, sagt Geulen. Und: dass sie stolz genug gewesen seien, nichts anzurühren. Finden solche Treffen in seiner Kanzlei statt, lässt er vom Italiener Antipasti bringen, vom Feinkosthändler frisches Obst und dazu gibt es diesen Espresso, aus seiner Pavoni, die „Crema“ hellbraun, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Das „Standing“, wie er es nennt, ist das Wichtigste für ihn. Ein gut eingerichtetes Büro, guter Espresso, Stil und hoher Anspruch an sich selbst: dass der Gegner erst einmal ordentlich Respekt hat.

Vorbild Schily

Das war es auch, was ihm damals an Otto Schily so imponiert hatte, dessen Sozius er 1975 wurde: das Distanzierte. „Schily“, sagt er, „hat nie jemanden geduzt, er trug keine Rollkragenpullover und nie Turnschuhe.“ Reiner Geulen bedient das Bild, das man hat von einem erfolgreichen Anwalt: Er fährt Jaguar, hat sein Büro in Berlin-Wilmersdorf, Altbau mit italienischem Bad, den Stuck lässt er neu herrichten, von italienischen Stuckateuren, die in Venedig gelernt haben. Er ist ein „Öko-Anwalt“, der nichts gemein haben will mit dem Klischee: von einem, der verbittert hinter einem Sperrholz-Schreibtisch sitzt.

Geulen, 58 Jahre alt, hat viele große Prozesse gegen Atomkraftwerke geführt, unter anderem das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich stillgelegt, auch den schnellen Brüter in Kalkar, er hat die lecke Sondermülldeponie Münchehagen bei Hannover dichtgemacht, für den damaligen hessischen Umweltminister Joschka Fischer die Brennelemente-Fabrik „Nukem-Alkem“ in Hanau geschlossen, und seit über 20 Jahren kämpft er für die Schließung des Endlagers in Gorleben. „Das mit dem Idealismus“, sagt er, „darf man nicht übertreiben.“ Und: „Ich bin kein Gutmensch.“ Als müsste er das beweisen, sagt er, dass er selten Bürgerinitiativen vertrete. Weil die ihn sich schlicht nicht leisten könnten. Die Bezeichnung „Star-Anwalt“ mag er nicht, weil sie von der Klatschpresse geprägt ist. Star-Anwälte sind für ihn der Münchner Michael Witti oder der Amerikaner Ed Fagan, der als Hauptanwalt die Entschädigung der Zwangsarbeiter voranbrachte.

Was Geulen mit Fagan verbindet, ist allein die Tatsache, dass sich beide auf Großklagen spezialisiert haben und versucht sind, diese vor amerikanischen Gerichten auszutragen. Damit droht Geulen für den Fall, dass die Klage gegen die Deutsche Bahn, die er im Mai diesen Jahres vor dem Landgericht Berlin eingereicht hat, ohne Erfolg bleibt. Er fordert Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen der Eschede-Katastrophe, bei der im Juni 1998 101 Menschen ums Leben kamen. Nach deutschem Recht haben zwar Verletzte Anrecht auf Schmerzensgeld, nicht aber Hinterbliebene von Toten. Der Berliner Anwalt Burkhard Kötke formuliert es so: „In Deutschland ist der Tod als Ende des Schmerzes definiert, in den USA stellt er den Höhepunkt des Schmerzes dar.“ Entsprechend hoch sind auch die Summen, die an Hinterbliebene gezahlt werden. Im Fall der Eschede-Opfer würde Geulen versuchen, die Thyssen-Krupp-Holding anzuklagen, deren Gesellschaften auch in den USA operieren und an der Entwicklung, Produktion und Kontrolle der für den Unfall verantwortlichen Radreifen maßgeblich beteiligt gewesen seien.

Von einer „Amerikanisierung“ der Justiz spricht Professor Armin Willingmann, Experte für Schadensrecht, deren Ursache darin liege, dass es in Sachen Schmerzensgeld ein Defizit gebe im deutschen Rechtssystem. Und dass diese Amerikanisierung erst in den vergangenen Jahren eingetreten sei, habe seinen Grund vor allem darin, dass Deutschland bis dahin vor schweren Katastrophen weitgehend verschont geblieben sei. Reiner Geulen spricht von einer rechtlichen Grauzone. „Es ist notwendig“, sagt er, „dass sich da schnell was ändert.“

Seit Ende vergangenen Jahres vertritt er ehemalige Radartechniker der Bundeswehr, mittlerweile über 200, die in den 60er und 70er Jahren verstrahlt wurden und heute an Krebs leiden. Die Leute, sagt er, stünden mit dem Rücken zur Wand. Auch in diesem Fall erwägt er, falls es zu keiner Einigung komme, eine Klage in den USA einzureichen, gegen die amerikanischen Rüstungsfirmen, die am Bau der Radaranlagen beteiligt waren. „Ist doch klar“, sagt er, „dass ein Anwalt diese strategische Option ergreifen muss, wenn es nicht anders läuft.“ Ein angenehmer Nebeneffekt: In den USA werden Erfolgshonorare gezahlt, eine Regelung, die in Deutschland verboten ist. Zwar gelten die nur für amerikanische Anwälte, aber davon könnten auch deutsche profitieren, weil kaum einer von ihnen auf einen amerikanischen Partner verzichten würde, dafür ist das US-Rechtssystem viel zu kompliziert.

Die Pressekonferenz, die Reiner Geulen für die Strahlenopfer organisiert hat, wirkt wie eine Mischung aus Podiumsdiskussion und Straßenfest. Die Ackerstraße in Berlin-Mitte wurde gesperrt, eine Bühne aufgebaut, mit einem langen Tisch und zehn Stühlen, rot-grün-gelbe Scheinwerfer, davor Bänke und Tische, wie im Biergarten. Gekommen sind Opfer, deren Angehörige und Journalisten. Und natürlich Reiner Geulen, der die Hauptrolle spielt; blaues Hemd, braune Schuhe, die Krawatte in den Hosenbund geschoben, spricht er sachlich, ohne besonderes Pathos, in die Mikrofone und Kameras. So tritt er auch vor Gericht auf: nie laut, mit höflicher Diktion.

„Die Bundeswehr hat ihre Leute verheizt“, sagt Reiner Geulen, „die Bundeswehr hat die Gesundheit ihrer Beschäftigten völlig ignoriert.“ Grob geschätzt geht es um 50 bis 60 Millionen Mark an Schmerzensgeld und Schadensersatz. Er zweifelt nicht daran, dass Rudolf Scharping als Verteidigungsminister einknicken werde, spätestens wenn es zum Prozess komme und er, Geulen, seine Akten auf den Tisch lege. Denn aus denen werde klar, sagt er, dass der Bundeswehr bereits Ende der 50er Jahre die Gefahr der Verstrahlung bekannt war. Die Erklärungsfrist endet am Donnerstag. „Falls die Bundeswehr sich bis dahin nicht rührt“, sagt Geulen, „wird es ganz schnell ernst.“ Spätestens im September will er dann klagen.

Nach seiner Rede gibt er Interviews, rückt immer mal wieder seine Krawatte zurecht, und macht nicht den Anschein, als sei es ihm lästig, in der Öffentlichkeit zu stehen. Er braucht die Medien, um Druck auf seine Gegner auszuüben, aber auch für sich selbst. Er sagt: Narzissmus sei nichts Schändliches, schließlich habe er doch auch etwas mit Anerkennung zu tun. Und man könnte meinen, dass es das ist, was hinter allem steht: die Suche nach Anerkennung.

Die Sehnsucht nach materiellem Wohlstand kann es nicht gwesen sein, die ihn trieb, denn der Wohlstand war da, von Anfang an. Sein Vater war Tuchfabrikant und Mitglied im Wirtschaftsrat der CDU. Dass Unternehmer im Elternhaus ein- und ausgingen, sagt Geulen, gehörte dazu, genau wie die gute Ausbildung, gute Manieren und das „sehr gute Examen“, das er später machte. Den sozialen Aufstieg habe er nie gebraucht. Er wollte der geistigen Enge Aachens, wo er aufwuchs, entkommen. Ging nach Freiburg, studierte Philosophie und nahm als Chefredakteur einer Studentenzeitung den Kampf auf gegen einen Universitätsrektor und dessen Nazi-Vergangenheit sowie gegen den Generalvikar des Bischofs, weil der als Mitglied der Zentrums-Partei 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. 1966 zog Reiner Geulen nach Berlin, wurde Führungsmitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), und als sich seine Freunde maoistischen Organisationen anschlossen, fing er an, Jura zu studieren. Was darauf zurückzuführen war, dass der Generalvikar ihn wegen Beleidigung angezeigt hatte. Er wollte sich der Strafjustiz gegenüber nicht wehrlos fühlen.

Für Geulen war es nicht die Rebellion gegen das Elternhaus, es war die latente nazistische Stimmung in der Gesellschaft, die ihn aufbrachte. Als sein Vater ihn als SDS-Mitglied auf einem Foto in der „Welt“ sah, sei der so stolz gewesen, seinen Sohn in der Zeitung zu sehen, dass er über die Umstände nicht nachgedacht habe. Bis heute ist Reiner Geulen keiner Partei beigetreten. 1989, im Jahr des Mauerfalls, hätte er Berliner Umweltsenator werden sollen in der rot-grünen Regierung. „Es war das erste Mal“, sagt er, „dass ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, in die Politik zu wechseln.“ Wie die anderen, denen er im Laufe der Jahre begegnet war: Otto Schily, Joschka Fischer, Herta Däubler-Gmelin, mit der er studiert hat, und Gerhard Schröder, auch Anwalt, mit dem er früher gemeinsam die Strafverteidigung für Brokdorf-Demonstranten übernommen hatte.

Freund Fischer

Über Schily möchte er nicht reden. Dass sie sich gestritten hätten, nachdem Schily die Kanzlei verlassen habe, heißt es. Geulen sagt: Ihr Verhältnis sei inzwischen wieder gut. Auch zu Fischer, dem so viele vorwerfen, im Zuge der Macht seinen Idealen untreu geworden zu sein, möchte sich Geulen nicht äußern. „Sie müssen verstehen“, sagt er, „wir sind befreundet.“ Ob er, Geulen, sich selbst treu geblieben sei? „Ja“, sagt er, „viele der 68er haben sich angepasst oder sich maoistischen Parteien angeschlossen. Ich habe beides nicht gemacht. Ich bin mir sehr treu geblieben: Vor 40 Jahren war ich Ostermarschierer für Frieden und gegen Atombewaffnung, heute vertrete ich Strahlenopfer.“

Er hat sich gegen eine Karriere als Politiker entschieden. Weil er gern Anwalt ist und weil er die Vorstellung nicht mochte, sich mit Abteilungsleitern und Sachzwängen herumzuärgern – und bestenfalls Kompromisse zu erzielen. „Als Politiker“, sagt er, „sitzt man immer in der Partei rum, muss mit Lobbyisten reden, intrigieren – so viel zerfleischende Arbeit und so wenig Gestaltungsmöglichkeiten.“ Als Anwalt sei er effektiver. Er sagt: „Ich habe mehr für die Strahlenopfer getan als Scharping.“ Und wenn Gorleben eines Tages kippt, wird er dazu beigetragen haben. Er könne gezielt Einfluss nehmen. „So ähnlich wie“, und dann überlegt er kurz und sagt: „wie Greenpeace.“ Nur, dass er im Gerichtssaal kämpft statt im Schlauchboot.

URL: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,2050382

Name der Rose

Der Berliner Umweltanwalt Reiner Geulen ist der Primus seiner Zunft.

aus: Spiegel Special 2/1995

Der Besucher in der Bibliothek des rheinland-pfälzischen Klosters Maria Laach wühlte sich durch vergilbte Chroniken und spätmittelalterliche Folianten. Die Suche diente der Wahrheitsfindung vor Gericht.

In den alten Pergamenten fahndete der Berliner Umweltanwalt Reiner Geulen, 51, nach Hinweisen zu den „Risiken des sogenannten Eifel-Vulkanismus“ und wurde fündig: Die Gegend gilt als erdbebengefährdetes Gebiet; die Mönche hatten, wie Geulen richtig vermutet hatte, jeden Erdstoß gewissenhart dokumentiert. Der Chronistenfleiß hat Auswirkungen auf ein Verfahren mit Milliarden-Streitwert: In Vertretung der Stadt Neuwied geht Geulen gerichtlich gegen das seit 1988 stillgelegte Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich vor. Vor allem seine Beben-Nachweise gaben den Ausschlag dafür, daß die Atomanlage im Rheinbecken noch immer nicht ans Netz darf.

Solches Procedere ist Juristen typisch. Mit profunder Kenntnis auch der Fußangeln des einschlägigen Rechtsinstrumentariums, mit Pfiff, Beharrungsvermögen und Kreativität hat er eine bundesweit einmalige Umwelt-Prozeßstrecke bewältigt. Stichworte: Gorleben, Buschhaus, Batteriefabrik Sonnenschein, Plutoniumfabrik Hanau, Bombenabwurfplatz Wittstock. Selbst wo Geulen nicht obsiegte, hatte er zumeist in der Sache Erfolg. Scharfe Umweltauflagen, etwa bei der Bleistaub-Klage um die inzwischen stillgelegte Berliner Akku-Fabrik Sonnenschein, früher im Besitz der Familie des Ex-Postministers Christian Schwarz-Schilling, oder im Fall des niedersächsischen Braunkohlekraftwerks Buschhaus, waren den Richtern die Klageabweisungen allemal wert.

Der „allseits gefürchtete Umwelt-Anwalt“ (Süddeutsche Zeitung), unangefochten Primus seiner Zunft, tritt vor Gericht eher jugendlich im Habitus auf. Nie laut, mit höflicher Diktion, richtet er sich auf der Klägerbank ein. Auf der Beklagtenseite formieren sich bis zu fünf Reihen Amtsjuristen oder eine ganze Anwaltsarmada aus renommierten Kanzleien.

Das Bild hält sich seit Jahren, nur Geulens Mandantschaft hat gewechselt. Während früher vor allem Bürgerinitiativen klagten, dominieren heute rote und rot-grüne Kommunen oder Landesregierungen, die sich langwierige Prozeßserien noch leisten können.

Über 20 Mandanten, vom Landkreis bis zur Kirchengemeinde beispielsweise, berät oder vertritt Geulen, so im Komplex um den 142 Quadratkilometer großen brandenburgischen Bombenabwurfplatz Wittstock. Im Fall der auch dank Geulen-Gutachten und diverser Öko-Initiativen seit 1991 in den entscheidenden Teilen stillgelegten Plutoniumfabrik Hanau war der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer Geulens Klient.

Wo andere längst das rechtspolitische Instrumentarium erschöpft sehen, gibt Geulen – dessen Sozius jahrelang der frühere Grünen- und heutige SPD-Politiker Otto Schily war – ungern auf. Im Gorleben-Komplex, seit 1978 einer seiner prozessualen Dauerbrenner, hofft er gar, das gesamte atomrechtliche Fundament der Kernenergie-Nutzung ins Wanken zu bringen.

Zwar nahm 1980 das zur Errichtung des Atommüll-Komplexes geschaffene Bundesberggesetz dem örtlichen Großgrundeigentümer Andreas Graf von Bernstorff die Bergrechte an den Salzstöcken, die für das Endlager für abgebrannte Brennelemente vorgesehen sind. Für den Grafen unterlief Geulen das Vorhaben jedoch mit einem Schachzug besonderer Art: Er ließ aufgrund des „Bestandsschutzes“ kurzerhand die seit Jahrhunderten den Bernstorffs zustehenden Salzrechte, sogenannte Salzgerechtigkeiten, im Grundbuch sichern.

Die Folge: Zwei Jahre nach dem vorgesehenen Betrieb ist dank unzähliger Widersprüche nicht einmal ein Sechstel des Endlagers fertig. Die Bundesregierung kann zwecks „Erkundung“ zwar die Schächte abteufen, darf aber weder den Salzstock aushöhlen noch das Endlager bauen. Auch die finanziellen Dimensionen sind beachtlich.

Im Fall des Reaktors Mülheim-Kärlich listen die Betreiber einen Tagesschaden von einer Million Mark auf. Über hundert Gutachten wurden inzwischen zu dem deplazierten Klotz erstellt. Zuletzt im März 1993 stufte das Bundesverwaltungsgericht die Warnungen vor dem Eifel-Vulkanismus als „substantiiert“ ein.

Das Urteil erging wie immer im Namen des Volkes. Geulen, der die Begutachtungsflut mit seiner detektivischen Suche in der Abtei zu Maria Laach ausgelöst hatte, blieb bescheidener. Er nannte seine Klosteraktion nach literarischer Vorlage „Im Namen der Rose“.

Wolfgang Bayer
170 SPIEGEL special 2/1995