Ein ideales Geschäft

Er hat Atomkraftwerke dichtgemacht, er vertritt die Opfer der Eschede-Katastrophe und die verstrahlten Radartechniker der Bundeswehr…

aus: Der Tagesspiegel, Dritte Seite, Nicol Ljubic, 14.7.2001

Manchmal ist es eine Espresso-Maschine, die den Unterschied macht. Eine italienische, von Pavoni, für 2500 Mark, die kaum aufgefallen wäre, wenn Reiner Geulen sie nicht erwähnt hätte. Das erste Mal im Konferenzraum seiner Kanzlei, mit dem Tisch aus Kirschholz in der Mitte – und jetzt noch mal, in der Küche. Ein Mann mit einem „Schuljungengesicht“, wie „Die Woche“ ihn beschrieb, akkurat gekleidet, in Hemd und Anzughose, höflich, der einen gern durch die Räume seiner Kanzlei führt, die teuren Möbel unerwähnt lässt, dafür auf die Espresso-Maschine verweist. Als wäre sie es, die ihn auszeichnet. Er sagt: Wo er auch hinkomme, in Ministerien oder Chefetagen, überall werde furchtbarer Filterkaffee getrunken. Und es klingt, als sei er der einzige Genießer unter lauter Banausen.

Er erzählt von einem Treffen bei Hartmut Mehdorn, dem Chef der Deutschen Bahn. Er war bei ihm mit Opfern und Hinterbliebenen der Eschede-Katastrophe, die er als Anwalt vertritt. Auf dem Tisch habe ein Plastikteller gestanden, mit Brötchen unter einer Folie. Lieblos sei das gewesen, sagt Geulen. Und: dass sie stolz genug gewesen seien, nichts anzurühren. Finden solche Treffen in seiner Kanzlei statt, lässt er vom Italiener Antipasti bringen, vom Feinkosthändler frisches Obst und dazu gibt es diesen Espresso, aus seiner Pavoni, die „Crema“ hellbraun, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Das „Standing“, wie er es nennt, ist das Wichtigste für ihn. Ein gut eingerichtetes Büro, guter Espresso, Stil und hoher Anspruch an sich selbst: dass der Gegner erst einmal ordentlich Respekt hat.

Vorbild Schily

Das war es auch, was ihm damals an Otto Schily so imponiert hatte, dessen Sozius er 1975 wurde: das Distanzierte. „Schily“, sagt er, „hat nie jemanden geduzt, er trug keine Rollkragenpullover und nie Turnschuhe.“ Reiner Geulen bedient das Bild, das man hat von einem erfolgreichen Anwalt: Er fährt Jaguar, hat sein Büro in Berlin-Wilmersdorf, Altbau mit italienischem Bad, den Stuck lässt er neu herrichten, von italienischen Stuckateuren, die in Venedig gelernt haben. Er ist ein „Öko-Anwalt“, der nichts gemein haben will mit dem Klischee: von einem, der verbittert hinter einem Sperrholz-Schreibtisch sitzt.

Geulen, 58 Jahre alt, hat viele große Prozesse gegen Atomkraftwerke geführt, unter anderem das Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich stillgelegt, auch den schnellen Brüter in Kalkar, er hat die lecke Sondermülldeponie Münchehagen bei Hannover dichtgemacht, für den damaligen hessischen Umweltminister Joschka Fischer die Brennelemente-Fabrik „Nukem-Alkem“ in Hanau geschlossen, und seit über 20 Jahren kämpft er für die Schließung des Endlagers in Gorleben. „Das mit dem Idealismus“, sagt er, „darf man nicht übertreiben.“ Und: „Ich bin kein Gutmensch.“ Als müsste er das beweisen, sagt er, dass er selten Bürgerinitiativen vertrete. Weil die ihn sich schlicht nicht leisten könnten. Die Bezeichnung „Star-Anwalt“ mag er nicht, weil sie von der Klatschpresse geprägt ist. Star-Anwälte sind für ihn der Münchner Michael Witti oder der Amerikaner Ed Fagan, der als Hauptanwalt die Entschädigung der Zwangsarbeiter voranbrachte.

Was Geulen mit Fagan verbindet, ist allein die Tatsache, dass sich beide auf Großklagen spezialisiert haben und versucht sind, diese vor amerikanischen Gerichten auszutragen. Damit droht Geulen für den Fall, dass die Klage gegen die Deutsche Bahn, die er im Mai diesen Jahres vor dem Landgericht Berlin eingereicht hat, ohne Erfolg bleibt. Er fordert Schmerzensgeld für die Hinterbliebenen der Eschede-Katastrophe, bei der im Juni 1998 101 Menschen ums Leben kamen. Nach deutschem Recht haben zwar Verletzte Anrecht auf Schmerzensgeld, nicht aber Hinterbliebene von Toten. Der Berliner Anwalt Burkhard Kötke formuliert es so: „In Deutschland ist der Tod als Ende des Schmerzes definiert, in den USA stellt er den Höhepunkt des Schmerzes dar.“ Entsprechend hoch sind auch die Summen, die an Hinterbliebene gezahlt werden. Im Fall der Eschede-Opfer würde Geulen versuchen, die Thyssen-Krupp-Holding anzuklagen, deren Gesellschaften auch in den USA operieren und an der Entwicklung, Produktion und Kontrolle der für den Unfall verantwortlichen Radreifen maßgeblich beteiligt gewesen seien.

Von einer „Amerikanisierung“ der Justiz spricht Professor Armin Willingmann, Experte für Schadensrecht, deren Ursache darin liege, dass es in Sachen Schmerzensgeld ein Defizit gebe im deutschen Rechtssystem. Und dass diese Amerikanisierung erst in den vergangenen Jahren eingetreten sei, habe seinen Grund vor allem darin, dass Deutschland bis dahin vor schweren Katastrophen weitgehend verschont geblieben sei. Reiner Geulen spricht von einer rechtlichen Grauzone. „Es ist notwendig“, sagt er, „dass sich da schnell was ändert.“

Seit Ende vergangenen Jahres vertritt er ehemalige Radartechniker der Bundeswehr, mittlerweile über 200, die in den 60er und 70er Jahren verstrahlt wurden und heute an Krebs leiden. Die Leute, sagt er, stünden mit dem Rücken zur Wand. Auch in diesem Fall erwägt er, falls es zu keiner Einigung komme, eine Klage in den USA einzureichen, gegen die amerikanischen Rüstungsfirmen, die am Bau der Radaranlagen beteiligt waren. „Ist doch klar“, sagt er, „dass ein Anwalt diese strategische Option ergreifen muss, wenn es nicht anders läuft.“ Ein angenehmer Nebeneffekt: In den USA werden Erfolgshonorare gezahlt, eine Regelung, die in Deutschland verboten ist. Zwar gelten die nur für amerikanische Anwälte, aber davon könnten auch deutsche profitieren, weil kaum einer von ihnen auf einen amerikanischen Partner verzichten würde, dafür ist das US-Rechtssystem viel zu kompliziert.

Die Pressekonferenz, die Reiner Geulen für die Strahlenopfer organisiert hat, wirkt wie eine Mischung aus Podiumsdiskussion und Straßenfest. Die Ackerstraße in Berlin-Mitte wurde gesperrt, eine Bühne aufgebaut, mit einem langen Tisch und zehn Stühlen, rot-grün-gelbe Scheinwerfer, davor Bänke und Tische, wie im Biergarten. Gekommen sind Opfer, deren Angehörige und Journalisten. Und natürlich Reiner Geulen, der die Hauptrolle spielt; blaues Hemd, braune Schuhe, die Krawatte in den Hosenbund geschoben, spricht er sachlich, ohne besonderes Pathos, in die Mikrofone und Kameras. So tritt er auch vor Gericht auf: nie laut, mit höflicher Diktion.

„Die Bundeswehr hat ihre Leute verheizt“, sagt Reiner Geulen, „die Bundeswehr hat die Gesundheit ihrer Beschäftigten völlig ignoriert.“ Grob geschätzt geht es um 50 bis 60 Millionen Mark an Schmerzensgeld und Schadensersatz. Er zweifelt nicht daran, dass Rudolf Scharping als Verteidigungsminister einknicken werde, spätestens wenn es zum Prozess komme und er, Geulen, seine Akten auf den Tisch lege. Denn aus denen werde klar, sagt er, dass der Bundeswehr bereits Ende der 50er Jahre die Gefahr der Verstrahlung bekannt war. Die Erklärungsfrist endet am Donnerstag. „Falls die Bundeswehr sich bis dahin nicht rührt“, sagt Geulen, „wird es ganz schnell ernst.“ Spätestens im September will er dann klagen.

Nach seiner Rede gibt er Interviews, rückt immer mal wieder seine Krawatte zurecht, und macht nicht den Anschein, als sei es ihm lästig, in der Öffentlichkeit zu stehen. Er braucht die Medien, um Druck auf seine Gegner auszuüben, aber auch für sich selbst. Er sagt: Narzissmus sei nichts Schändliches, schließlich habe er doch auch etwas mit Anerkennung zu tun. Und man könnte meinen, dass es das ist, was hinter allem steht: die Suche nach Anerkennung.

Die Sehnsucht nach materiellem Wohlstand kann es nicht gwesen sein, die ihn trieb, denn der Wohlstand war da, von Anfang an. Sein Vater war Tuchfabrikant und Mitglied im Wirtschaftsrat der CDU. Dass Unternehmer im Elternhaus ein- und ausgingen, sagt Geulen, gehörte dazu, genau wie die gute Ausbildung, gute Manieren und das „sehr gute Examen“, das er später machte. Den sozialen Aufstieg habe er nie gebraucht. Er wollte der geistigen Enge Aachens, wo er aufwuchs, entkommen. Ging nach Freiburg, studierte Philosophie und nahm als Chefredakteur einer Studentenzeitung den Kampf auf gegen einen Universitätsrektor und dessen Nazi-Vergangenheit sowie gegen den Generalvikar des Bischofs, weil der als Mitglied der Zentrums-Partei 1933 für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte. 1966 zog Reiner Geulen nach Berlin, wurde Führungsmitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), und als sich seine Freunde maoistischen Organisationen anschlossen, fing er an, Jura zu studieren. Was darauf zurückzuführen war, dass der Generalvikar ihn wegen Beleidigung angezeigt hatte. Er wollte sich der Strafjustiz gegenüber nicht wehrlos fühlen.

Für Geulen war es nicht die Rebellion gegen das Elternhaus, es war die latente nazistische Stimmung in der Gesellschaft, die ihn aufbrachte. Als sein Vater ihn als SDS-Mitglied auf einem Foto in der „Welt“ sah, sei der so stolz gewesen, seinen Sohn in der Zeitung zu sehen, dass er über die Umstände nicht nachgedacht habe. Bis heute ist Reiner Geulen keiner Partei beigetreten. 1989, im Jahr des Mauerfalls, hätte er Berliner Umweltsenator werden sollen in der rot-grünen Regierung. „Es war das erste Mal“, sagt er, „dass ich ernsthaft darüber nachgedacht habe, in die Politik zu wechseln.“ Wie die anderen, denen er im Laufe der Jahre begegnet war: Otto Schily, Joschka Fischer, Herta Däubler-Gmelin, mit der er studiert hat, und Gerhard Schröder, auch Anwalt, mit dem er früher gemeinsam die Strafverteidigung für Brokdorf-Demonstranten übernommen hatte.

Freund Fischer

Über Schily möchte er nicht reden. Dass sie sich gestritten hätten, nachdem Schily die Kanzlei verlassen habe, heißt es. Geulen sagt: Ihr Verhältnis sei inzwischen wieder gut. Auch zu Fischer, dem so viele vorwerfen, im Zuge der Macht seinen Idealen untreu geworden zu sein, möchte sich Geulen nicht äußern. „Sie müssen verstehen“, sagt er, „wir sind befreundet.“ Ob er, Geulen, sich selbst treu geblieben sei? „Ja“, sagt er, „viele der 68er haben sich angepasst oder sich maoistischen Parteien angeschlossen. Ich habe beides nicht gemacht. Ich bin mir sehr treu geblieben: Vor 40 Jahren war ich Ostermarschierer für Frieden und gegen Atombewaffnung, heute vertrete ich Strahlenopfer.“

Er hat sich gegen eine Karriere als Politiker entschieden. Weil er gern Anwalt ist und weil er die Vorstellung nicht mochte, sich mit Abteilungsleitern und Sachzwängen herumzuärgern – und bestenfalls Kompromisse zu erzielen. „Als Politiker“, sagt er, „sitzt man immer in der Partei rum, muss mit Lobbyisten reden, intrigieren – so viel zerfleischende Arbeit und so wenig Gestaltungsmöglichkeiten.“ Als Anwalt sei er effektiver. Er sagt: „Ich habe mehr für die Strahlenopfer getan als Scharping.“ Und wenn Gorleben eines Tages kippt, wird er dazu beigetragen haben. Er könne gezielt Einfluss nehmen. „So ähnlich wie“, und dann überlegt er kurz und sagt: „wie Greenpeace.“ Nur, dass er im Gerichtssaal kämpft statt im Schlauchboot.

URL: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,2050382

Name der Rose

Der Berliner Umweltanwalt Reiner Geulen ist der Primus seiner Zunft.

aus: Spiegel Special 2/1995

Der Besucher in der Bibliothek des rheinland-pfälzischen Klosters Maria Laach wühlte sich durch vergilbte Chroniken und spätmittelalterliche Folianten. Die Suche diente der Wahrheitsfindung vor Gericht.

In den alten Pergamenten fahndete der Berliner Umweltanwalt Reiner Geulen, 51, nach Hinweisen zu den „Risiken des sogenannten Eifel-Vulkanismus“ und wurde fündig: Die Gegend gilt als erdbebengefährdetes Gebiet; die Mönche hatten, wie Geulen richtig vermutet hatte, jeden Erdstoß gewissenhart dokumentiert. Der Chronistenfleiß hat Auswirkungen auf ein Verfahren mit Milliarden-Streitwert: In Vertretung der Stadt Neuwied geht Geulen gerichtlich gegen das seit 1988 stillgelegte Atomkraftwerk Mülheim-Kärlich vor. Vor allem seine Beben-Nachweise gaben den Ausschlag dafür, daß die Atomanlage im Rheinbecken noch immer nicht ans Netz darf.

Solches Procedere ist Juristen typisch. Mit profunder Kenntnis auch der Fußangeln des einschlägigen Rechtsinstrumentariums, mit Pfiff, Beharrungsvermögen und Kreativität hat er eine bundesweit einmalige Umwelt-Prozeßstrecke bewältigt. Stichworte: Gorleben, Buschhaus, Batteriefabrik Sonnenschein, Plutoniumfabrik Hanau, Bombenabwurfplatz Wittstock. Selbst wo Geulen nicht obsiegte, hatte er zumeist in der Sache Erfolg. Scharfe Umweltauflagen, etwa bei der Bleistaub-Klage um die inzwischen stillgelegte Berliner Akku-Fabrik Sonnenschein, früher im Besitz der Familie des Ex-Postministers Christian Schwarz-Schilling, oder im Fall des niedersächsischen Braunkohlekraftwerks Buschhaus, waren den Richtern die Klageabweisungen allemal wert.

Der „allseits gefürchtete Umwelt-Anwalt“ (Süddeutsche Zeitung), unangefochten Primus seiner Zunft, tritt vor Gericht eher jugendlich im Habitus auf. Nie laut, mit höflicher Diktion, richtet er sich auf der Klägerbank ein. Auf der Beklagtenseite formieren sich bis zu fünf Reihen Amtsjuristen oder eine ganze Anwaltsarmada aus renommierten Kanzleien.

Das Bild hält sich seit Jahren, nur Geulens Mandantschaft hat gewechselt. Während früher vor allem Bürgerinitiativen klagten, dominieren heute rote und rot-grüne Kommunen oder Landesregierungen, die sich langwierige Prozeßserien noch leisten können.

Über 20 Mandanten, vom Landkreis bis zur Kirchengemeinde beispielsweise, berät oder vertritt Geulen, so im Komplex um den 142 Quadratkilometer großen brandenburgischen Bombenabwurfplatz Wittstock. Im Fall der auch dank Geulen-Gutachten und diverser Öko-Initiativen seit 1991 in den entscheidenden Teilen stillgelegten Plutoniumfabrik Hanau war der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer Geulens Klient.

Wo andere längst das rechtspolitische Instrumentarium erschöpft sehen, gibt Geulen – dessen Sozius jahrelang der frühere Grünen- und heutige SPD-Politiker Otto Schily war – ungern auf. Im Gorleben-Komplex, seit 1978 einer seiner prozessualen Dauerbrenner, hofft er gar, das gesamte atomrechtliche Fundament der Kernenergie-Nutzung ins Wanken zu bringen.

Zwar nahm 1980 das zur Errichtung des Atommüll-Komplexes geschaffene Bundesberggesetz dem örtlichen Großgrundeigentümer Andreas Graf von Bernstorff die Bergrechte an den Salzstöcken, die für das Endlager für abgebrannte Brennelemente vorgesehen sind. Für den Grafen unterlief Geulen das Vorhaben jedoch mit einem Schachzug besonderer Art: Er ließ aufgrund des „Bestandsschutzes“ kurzerhand die seit Jahrhunderten den Bernstorffs zustehenden Salzrechte, sogenannte Salzgerechtigkeiten, im Grundbuch sichern.

Die Folge: Zwei Jahre nach dem vorgesehenen Betrieb ist dank unzähliger Widersprüche nicht einmal ein Sechstel des Endlagers fertig. Die Bundesregierung kann zwecks „Erkundung“ zwar die Schächte abteufen, darf aber weder den Salzstock aushöhlen noch das Endlager bauen. Auch die finanziellen Dimensionen sind beachtlich.

Im Fall des Reaktors Mülheim-Kärlich listen die Betreiber einen Tagesschaden von einer Million Mark auf. Über hundert Gutachten wurden inzwischen zu dem deplazierten Klotz erstellt. Zuletzt im März 1993 stufte das Bundesverwaltungsgericht die Warnungen vor dem Eifel-Vulkanismus als „substantiiert“ ein.

Das Urteil erging wie immer im Namen des Volkes. Geulen, der die Begutachtungsflut mit seiner detektivischen Suche in der Abtei zu Maria Laach ausgelöst hatte, blieb bescheidener. Er nannte seine Klosteraktion nach literarischer Vorlage „Im Namen der Rose“.

Wolfgang Bayer
170 SPIEGEL special 2/1995

Erfolg mit Biß

Der Berliner Rechtsanwalt Reiner Geulen ist in einer Serie von Umwelt-Prozessen zum Behördenschreck Nummer eins avanciert.

(Der Spiegel 1.7.1985)

Wenn sich Reiner Geulen, 42, in deutschen Behörden umtut, stößt er fast immer auf ein ausgeprägtes Reinlichkeitsbedürfnis: „Die niederen Chargen laufen mit Handtuch und Seife über den Flur, bei den höheren ist die Naßzelle gleich im Zimmer.“

Sehen sich die Gesprächspartner dann als Kontrahenten in Prozessen gegen umweltschädigende Großanlagen wieder – der Berliner Anwalt einsam auf der Klägerbank, auf der Beklagtenseite jeweils bis zu fünf Reihen Amtsjuristen und Fachbeamte -, wird meistens offenbar, daß sich die Beamtenschaft, so Geulen, „ihre Hände gern in Unschuld wäscht“.

In Verwaltungsgerichtsverfahren gelingt dem beharrlich nachhakenden Anwalt immer wieder der Nachweis, daß es zwischen Umweltämtern und Umweltschädigern an der „gehörigen Distanz, Neutralität und Unabhängigkeit“ mangelt. Geulen nennt das eine „Verklebtheit“ von Betreibern und Genehmigungsbehörden, eine „Amalgamierung“.

Der parteilose Sozius des Grünen-Bundestagsabgeordneten Otto Schily hat sich wie kaum ein Advokaten-Kollege sonst den Ruf eines „allseits gefürchteten Umwelt-Anwalts“ („Süddeutsche Zeitung“) erworben, dessen Auftritte „Behörden in Angst und Schrecken“ versetzen („Berliner Morgenpost“).

Umweltaffären spürt der promovierte Jurist (Dissertationsthema: „Die Personalakte in Recht und Praxis“) seit nunmehr zehn Jahren nach. Umweltschützern ist Geulens bundesweit einmalige Prozeßserie in Stichworten geläufig: Gorleben, Buschhaus, Schießplatz Gatow, Fall Sonnenschein.

Selbst wenn er nicht immer obsiegte, zumeist gelang es ihm, den „schmalen Spielraum der Verwaltungsgerichtsbarkeit bei der Konfliktbewältigung im Umweltrecht“ (Geulen) im Interesse Umweltgeschädigter auszuschöpfen.

Auf Biß und juristische Qualifikation des Berliners setzen Mandanten quer durch alle politischen Lager – vom CDU-Bürgermeister bis zum linken Bürgerinitiativler, vom Villenbesitzer bis zum Hausbesetzer. Geulen wird gerufen, wenn es um Atomanlagen oder bedrohte Naturschutzgebiete geht, um Panzerübungsplätze oder, wie letzten Monat, um die Berliner Akku-Fabrik „Sonnenschein“, wo er vier Anrainer gegen den Familienbetrieb des Bundespostministers Schwarz-Schilling vertritt.

Als Prozeßvertreter der niedersächsischen Stadt Rehburg-Loccum erwirkte Geulen die gerichtliche Schließung der Sondermülldeponie Münchehagen, wegen Grundwasservergiftung. An der 200 Kilometer langen Trasse einer geplanten Autobahn vom Ruhrgebiet nach Emden („Friesenspieß“) wohnen gleich Dutzende von Geulen-Mandanten – Gemeinden, Landwirte, Initiativen.

Im Gorleben-Komplex, den Geulen seit 1978 anwaltlich betreut, verhinderte eine Gerichtsentscheidung im Frühjahr dieses Jahres die Inbetriebnahme des schon fertiggestellten Lagers für abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken. Im Verfahren um das geplante Endlager im Gorlebener Salzstock steht die Entscheidung bevor.

Allein in Berlin wurden seit 1975 auf Klagen diverser von Geulen vertretener Bürgerinitiativen drei Kraftwerksbauten verhindert und eines nur nach scharfen Gerichtsauflagen gestattet. Der Standort für ein Großkraftwerk im Spandauer Forst, konzipiert für 1200 Megawatt Leistung, annähernd das Vierfache der Kapazität des niedersächsischen Kraftwerks Buschhaus, mußte nach vier Prozeßläufen völlig aufgegeben werden.

In der Buschhaus-Auseinandersetzung sorgte das einstige Führungsmitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) für ein Novum in der Gerichtsgeschichte: Er präsentierte eine Klägerin aus der DDR. Trotz vorläufiger Niederlage im zweiten Rechtsgang blieb die Geulen-Taktik nicht ohne Erfolg.

Unmittelbar vor der geplanten Inbetriebnahme hatte das Verwaltungsgericht einen Betriebsstopp verfügt. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hob ihn im März dieses Jahres auf, nicht ohne zuvor eine Vielzahl von Geulen geforderter Auflagen zu verfügen. Der Anwalt legte Verfassungsbeschwerde ein, die „größte Dreckschleuder der Nation“ (Umweltschützer-Parole) ist noch immer nicht ans Netz gegangen.

In Berlin und Washington mußten sich diverse Instanzen mit Geulen-Klagen gegen Wohnhäuser für amerikanische Offiziere am Rande eines Landschaftsschutzgebietes befassen. Ergebnis: ein grundsätzliches Zugeständnis der USA, daß Berliner bei Verletzung von Freiheit, Leben und Eigentum zur Klage gegenüber amerikanischem Militär befugt sind. Einen solchen Anspruch hofft Geulen als Vertreter verschiedener Kläger gegen den britischen Groß-Schießplatz in Berlin-Gatow nun auch in London durchzusetzen.

Solcherlei Rechtspflege betreibt der Anwalt, der vor Gericht stets sachlich wie ein Buchhalter auftritt, in der Form verbindlich und in der Sache verbissen. Seine Schriftsätze bestechen, wie auch Prozeßgegner einräumen, durch Präzision und Perfektion. So mancher Verwaltungsjurist scheiterte schon an Geulens profunder Kenntnis auch der Fußangeln des einschlägigen Rechtsinstrumentariums.

Beispiel Sonnenschein: Während das Amt des Umweltsenators Horst Vetter dem Berliner Schwarz-Schilling-Werk bescheinigte, der Betrieb habe sich „weder in der Vergangenheit noch jetzt rechtswidrig verhalten“, spürte Geulen Gegenbelege auf.

Als Beweis für jahrelanges Produzieren mit ungenehmigten Anlagen präsentierte der Anwalt „umfangreiche und detaillierte Erklärungen von früheren und jetzigen Mitarbeitern des Betriebes“. Das Verwaltungsgericht akzeptierte, im Eilverfahren, den Nachweis.

Irritiert durch solche Durchmarschtaktik, hatte bereits Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht den Anwalt als SEW-Mitglied verdächtigt. Albrecht mußte revozieren. Selbst der liberal-konservative „Tagesspiegel“ empfahl der CDU, ihren hannoverschen Spitzenpolitiker nicht mehr „ohne Entschwafelungsanlagen in Betrieb gehen zu lassen“.

Womöglich wird Geulen der Union eines Tages auch als Politiker zu schaffen machen. Für den Fall eines rot-grünen Wahlsieges im kommenden Jahr haben niedersächsische Emissäre aus beiden Lagern bei dem Schily-Sozius bereits vorgefühlt, ob er für ein Ministeramt zur Verfügung steht.

Doch der ziert sich einstweilen. Zum einen, sagt er, „schmeckt mir nicht das Kantinenessen“. Zum anderen glaubt er, auch weiterhin als Anwalt „mehr verhindern zu können“.
Aus: DER SPIEGEL 27/1985

URL: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513639.html